Sonntag, 23. Februar 2014

Das liebliche Städtchen von Pankow

Ich brauchte wirklich es. Pankow. Wer hätte es gesagt?

Für Pankow habe ich ein fast dreimonatelanges Schweigen unterbrochen. Pankow hat meine Inspiration, meine Lust aufs Schreiben, meine Leidenschaft für das Beobachten wieder erweckt… und vor allem hat es meinen süßen Zynismus wieder in Gang gebracht.

Nach Pankow hat mich keine Freundschaft, kein Job und sogar keine Freundschaft gebracht.
Nach Pankow wurde ich von dem Fuchs und dem Kater von heute: Wg-Gesucht und Google Maps.
Wg-Gesucht, das super berühmte und –gehasste Portal für die Wohn- und Zimmersuche, kennt ihr sicher schon alle. Genau so wie ich, vor allem seit ich entschlossen habe, mein aktuelles winzigkleines Zimmer zu verlassen.

Da finde ich endlich eine interessante Anzeige, um die ich mich sofort bewerbe. 
Die Bewerbung muss klar, direkt, ehrlich, lustig und nicht banal klingen. Zehn Zeilen maximal. Wer man ist, woher man kommt, wie alt man ist, wie viele Sprachen man kann, was man von Beruf ist, wie oft man täglich aufs Klo geht, wie lange es dauert, ob man raucht, ob man sich das Haar in der Nacht wäscht, ob man Fleisch isst und es im Kühlschrank aufbewahren möchte, ob man Tiere mitbringt, ob man eine Spülmaschine übrig hat, ob man wilde Partys organisiert, ob man das hasst, um wie viel Uhr man morgens aufsteht, ob man aufsteht, wie lange man unterwegs ist, ob die Oma zu Besuch kommt.... das alle sollen zehn Zeilen zusammenfassen. Denn bei längeren Beschreibungen könnten die Leser sicher einschlafen.

Das super schöne Haus, das ich vor Kürze besichtigt habe, liegt in der Nähe von Vinetastrasse. Laut Wg-Gesucht. In der Nähe vom Bahnhof Pankow, laut Google Maps. Da ich super zeitig bin, steige ich in Vinetastrasse aus, weil die Gegend dort mir schon bekannt ist.

Ich finde ihn:

©Lost in Transition: Blogging between Cultures
©Lost in Transition: Blogging between Cultures


Den Vinetamann. Ich habe keine Ahnung, wer der Mann da ist und was er dort darstellt (Hinweise sind herzlich willkommen!) aber dieser Mensch, mit Brillen, Bierbauch und kleiner Penis hat meinen ganzenWeg zur Wohnung wirklich belustigt.

Ja, weil ich relativ lange laufen musste. Nach den ersten 100 Metern, hatte ich schon den Eindruck, nicht mehr in Berlin zu sein. Obwohl der Bezirk von zwei gleichnamigen Straßen umkehrt ist – und sogar zwei Berliner Straße – die maximal 2 Km einander weit entfernt liegen, das Aura, von dem die Quetsche umgeben ist, wirkt kaum berlinerisch. 

Die Häuser sind hier auf dieser Strasse alle sehr schön. Sehr schön. Und alt. Historisch. Es ist voll von Autos, also wahrscheinlich voll von Familien.

Im Übrigen unterscheidet das sich nicht viel von Wedding oder von anderen grauen Orten: Straßenlaternen gibt es ja schon. Jede 400 Meter. Straßen sind einsam. Das einzige Licht kommt eigentlich von einem Waschsalon.

Ich laufe ungefähr ein Kilometer lang. Dann muss ich nach rechts biegen. Ich bin auf der richtigen Straße, aber der Sieg ist zu früh vorangekündigt. Ich muss noch weiter ein Kilometer lang spazieren. Ich gehe weiter. Es gibt ein paar efeubewachsene Häuser. Hässlich. Das erinnert mich an jenen super behaarten Männern, die man im Sommer zum großen Bedauern auf dem Strand sehen muss, die du fragen würdest, „Warum trägst du noch mit 40 Grad den Pulli?“ Ok, der Vergleich ist ekelhaft, ich bin müde. Pankow macht mich müde.


Ich gehe weiter. Ich finde ein süßes Haus mit einem Schild auf Italienisch: „Salve“. Ich lese die Namen an dem Postfach: Kein Italiener zu sehen. 

Ich gehe weiter. Ich sehe noch viele schöne Häuser. Endlich komme ich am Ziel an. Draußen steht auch ein anderes Mädchen.

Erster Gedanke: „Ist sie da auch für die Wohnung?“ Ja, sie ist da auch für die Wohnung. Ich steige hinauf, sie auch. Sie war eine halbe Stunde später gekommen. Ich 10 Minuten früher.

Weißgraue und nicht stuckierte Wände begrüßen uns höflich. Bis etwa 1 Meter vom Boden sind sie mit badgeeigneten, weißschmutzigen Fliesen verlegen. Die Treppe ist unglaublich laut unter unseren Füßen und so uralt, dass ich fürchte, ein Splitter vom Handlauf könnte mir in den Finger eindringen. Zur Sicherheit ziehe ich die Handschuhe noch nicht aus.
Ich denke an all meine lieben Freundinnen, die immer meinen, es zähle „nicht den äußeren Aspekt, sondern den Charakter“ und würde sie gern mal hier sehen.

Ich komme an. Stelle mich vor. Wir sind dann zu zweit. Das heißt, gleichzeitiges Doppelinterview. Ein sicherer Sieg für Deutschland. Ich gucke zu oft auf die Uhr. Ich würde gerne verschwinden. Und Mieterin und Pankow zum Teufel schicken. Sie reden untereinander über wie schön der Osten ist. Sie kommen ursprünglich aus der selben Region. Zwei Kilometer gelaufen, ein Haus im Nichts, super zeitig, kaum Aufmerksamkeit und nur ein Glas Wasser geschnorrt.

Ich verlasse das wirklich sehr schöne Haus und entschließe, wieder zurück zu Vinetastrasse zu kommen. Alles beginnt plötzlich, schneller zu gehen: Die U-Bahn kommt dann sofort, die Ring-Bahn komischerweise auch. 
Alles will mich von Pankow wegbringen! Jetzt ist mir klar, warum es dort zwei Berliner Straße gibt, die beide Richtung Zentrum zusammenlaufen.

Wer weiß, wo wird mich die nächste Besichtigung hinbringen?

Stay tuned.



Zur italienischen Seite: La ridente cittadina di Pankow

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